Das kranke System der Essensvernichtung!
Gerade nach den opulenten Feiertagen ein heißes Thema. Das Essenvernichtungssystem. Mit den Lebensmitteln, die wir in Europa und in den USA wegwerfen, könnten alle Hungernden der Welt zweimal versorgt werden.
Den Ursachen dieser unglaublichen Misere ist der vielfach ausgezeichnete Kölner Dokumentarfilmer Valentin Thurn nachgegangen. Herausgekommen sind das Buch «Die Essensvernichter» sowie der Dokumentarfilm «Taste The Waste». Christa Neubauer von der bekannten Straßenzeitung ‚Augustin‘ hat Valentin Thurn in Wien getroffen und das Gespräch nachgezeichnet.
Schwarzataler online dankt dem ‚Augustin‘ für Manuskript und Bilder.

Wegwerfwahnsinn: Mit den Nahrungsmitteln, die in Europa und den USA auf dem Müll landen, könnten alle Hungernden dieser Welt mehr als satt werden
Valentin Thurn hat mit seinem Team in Österreich, Deutschland, Japan, Frankreich, Kamerun, Italien und den Vereinigten Staaten recherchiert. Er zeigt Bilder, die uns Konsument_innen normalerweise verborgen bleiben: Supermärkte, in denen Joghurts sechs Tage vor Erreichen des Ablaufdatums entsorgt werden. Müllräume, in denen Lkw-Fuhren von Gemüse in die Abfallpresse kommen. Eine Bäckerei, die das überzählige Brot verheizt. Hat sich der Regisseur auch mit Lösungsansätzen beschäftigt?
«Ja, vor allem im Buch», meint Thurn, «wichtig ist mir, aufzuzeigen, dass es nicht den einen Bösewicht gibt, sondern dass es sich um ein System handelt, das sich über die letzten Jahrzehnte entwickelt hat. Wir wurden als Kinder noch so erzogen, dass das Essen ‘heilig’ war. Aber seit dem Beginn der Industrialisierung in der Lebensmittelindustrie gibt es einen Zwiespalt.» – Der erste Supermarkt wurde in Deutschland im Jahr 1959 eröffnet, einige Jahre später einer in Österreich. Damals begann der drastische Anstieg an Lebensmittelabfällen. Entlang der Kette vom Produzenten bis zum Verbraucher sind es etwa 50 Prozent, die im Abfall landen.
Bei manchen der postulierten Lösungsansätze könnte einem und einer der Bissen im Hals stecken bleiben. Roland Schüren, Inhaber einer Bäckerei, erzählt selbstbewusst, dass in Deutschland ein Atomkraftwerk eingespart werden könnte, wenn alle Bäckereien im Land ihre Überproduktion als Brennstoff nützten.
Das Engagement in der Biogas-Produktion durch Lebensmittel-Abfälle bezeichnet Thurn selbst als fragwürdig. Die Branche ist hochsubventioniert, in Deutschland teilen sich zwei Großkonzerne den Kuchen. In Österreich ist die Situation nicht viel anders. Überall ist die Frage offen, was mit den zweifelhaften Rückständen geschieht, die im Zuge der Energiegewinnung entstehen.
Generell sind die Verwertungsmöglichkeiten von Lebensmittelabfällen besser, wenn die Mülltrennung gut funktioniert.
In Österreich liefern viele Unternehmen bereits an soziale Tafeln, die die weitere Verteilung an Bedürftige übernehmen.
Die Unsichtbarmachung des Abfalls hat System
In Österreich liefern vor allem die Großbäckereien ihre Überproduktion an die Tierfuttermittelindustrie. Für kleinere Betriebe zahlt sich das nicht aus, so dass nur die Hälfte der Abfälle, das sind 100 Tonnen täglich, solcherart genützt werden kann.
Japan ist in dieser Beziehung bereits hocheffizient, während Europa dahindümpelt. EU-rechtlich gäbe es kein Problem: die Abfälle müssen für die Verwendung als Tierfutter lediglich ausreichend lange auf 70 – 90 Grad erhitzt werden. Rinder sollen kein Futter mit tierischen Bestandteilen erhalten. Weil aber die Angst der EU vor Seuchen groß und eine Überwachung unmöglich ist, ist keine Änderung der Situation in Sicht, so Thurn.
In Wien wird immer deutlicher, dass Menschen systematisch daran gehindert werden sollen, zu den Abfällen bei Märkten und Supermärkten zu gelangen. Müllräume müssen verschlossen sein, die Einhausung der Abfallsammelstelle des Naschmarkts wird von offizieller Seite als Prestigeprojekt bejubelt. Mülltaucher haben es immer schwerer, ihre Nahrung aus den Abfällen zu sammeln. Valentin Thurn sieht die Ursache dafür weniger in einer Neidgesellschaft oder in der Angst der Konzerne vor sinkendem Umsatz. Neben der offiziellen Begründung (Angst der Unternehmen vor Lebensmittelvergiftungen) gibt es ein stillschweigendes Übereinkommen: die Konsument_innen sollen den Müll nicht zu Gesicht bekommen. Abfall ist etwas, das nicht zum Sauber-und-Frisch-Image der Supermärkte passt. Die sind optisch orientiert – «Man sieht ja heutzutage in den Regalen kein normales Obst mehr!»
Außerdem sollen die Kund_innen nicht mit der Nase darauf gestoßen werden, dass sie mit den Preisen einen fix einkalkulierten Aufschlag für den Lebensmittelmüll zahlen. «Der Konsument zahlt die Aufschläge, damit sind die wettbewerbsneutral. Der Wettbewerb verlangt, dass die Regale bis zum Ladenschluss voll sind. Es herrscht die Angst, dass die Kund_innen zur Konkurrenz gehen, wenn das Angebot nicht komplett vorhanden ist», erklärt Thurn. Und erwähnt eine Wiener Bäckereikette, deren Management umzudenken versucht: «Das Unternehmen ist bemüht, den Altbrotanteil aus ökonomischen Gründen zu reduzieren und hat das Pflichtangebot ab 17 Uhr ausgedünnt. Das Verkaufspersonal wurde entsprechend geschult, um Kund_innen ähnliche Produkte anbieten zu können, falls das gewünschte konkret nicht mehr im Regal liegt. – Aber aus Imagegründen wird das nicht offen kommuniziert!»
Die österreichische Müllforscherin Felicitas Schneider kann belegen, dass ein großer Teil der von Privathaushalten weggeworfenen Lebensmittel originalverpackt ist und das Ablaufdatum noch nicht erreicht hat. Sie interpretiert das so, dass die Menschen dazu übergehen, Lebensmittel «auf Verdacht» einzukaufen: man könnte sie ja benötigen. Was nicht mehr gebraucht wird, wird entsorgt. Im Notfall kauft man die Dinge wieder nach.
Thurns nächstes Projekt: Thema U-Subventionen
Der Film Taste The Waste will nicht mit erhobenem Zeigefinger daherkommen. Er zaubert Ihnen auch zwischendurch ein Lächeln ins Gesicht. Wenn zum Beispiel die junge Mutter aus den USA, Mitglied einer Gemüse-Kooperative, von ihrer Ernährungsumstellung erzählt. Wie sie in alten Kochbüchern fündig wurde, um das bisher unbekannte Gemüse (sie zeigt auf Paprika und Zucchini) auch verarbeiten zu können. Oder wenn Jörn Franck, Geschäftsführer der größten Biogas-Anlage Hamburgs, begeistert davon spricht, wie viel Energie zuckerhaltige Abfälle liefern können. Und dabei auf ein Coca Cola zero zeigt.
Die Politik bezeichnet Thurn, was Lebensmittelmüll betrifft, als «relativ inaktiv. Die Wirtschaft ist nicht interessiert an einer Veränderung der Situation. Damit gibt es keinen Druck auf die Politik.» Das könnte sich ändern, wenn verärgerte Bürger_innen die drohende Vereinheitlichung der Agrarpolitik in der EU nicht widerspruchslos hinnehmen wollen.
Hatte die Auseinandersetzung mit dem Thema Essensvernichtung für Valentin Thurn auch persönliche Konsequenzen? «Auf jeden Fall!», lacht der Vater dreier Kinder, «Das war für alle im Team so. Wir haben gelernt, unseren Sinnen wieder zu vertrauen. Ich esse jetzt ohne Probleme ein Joghurt, bei dem das Ablaufdatum zwei Wochen überschritten ist. Wenn ich vorher dran gerochen und es gekostet habe – meist ist das Produkt noch einwandfrei.» Auch die Vorratshaltung wurde in der Familie neu angegangen.
Das viel zitierte Mindesthaltbarkeitsdatum hält Thurn für, wie er es ausdrückt, reine Verarsche. Viel wichtiger wäre es seiner Ansicht nach, den Begriff «gesundheitsrelevant» in der Lebensmittelvermarktung zu etablieren. Mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum gibt der Hersteller eine Garantie, dass es bis zu diesem Datum zu keinerlei Beeinträchtigung des Produkts kommt. Das Datum dient der Sicherheit des Erzeugers, gibt aber keinen Hinweis auf die tatsächliche Haltbarkeit eines Lebensmittels.
Als nächstes Projekt hat Valentin Thurn sich die Subventionen der EU vorgenommen. Wird sicher wieder spannend!
Christa Neubauer – Straßenzeitung Augustin
Mülltauchen als Lösungsansatz
(gekürzter Text aus «Die Essensvernichter»)
Beim Thema politischer Konsum darf man die politisch motivierte Konsumverweigerung nicht vergessen. «Containern» oder «dumpstern» ist in der linksalternativen Szene Deutschlands und Österreichs weit verbreitet. Die Motivation für die nächtlichen Streifzüge in den Hinterhöfen der Supermärkte ist selten finanzieller Natur, sondern wird als Protest gegen die Verschwendung von Lebensmitteln gesehen.
Freeganismus, ebenfalls eine Gegenbewegung zum Konsumwahn, ist mittlerweile auch in Europa verbreitet. Freegans versuchen, möglichst ohne Geld zu leben, und bauen geldfreie Alternativen zum Konsum auf. Dazu gehören neben Containern auch Tauschbörsen oder freie Wohnprojekte.
Die Mülltaucherszene organisiert sich zunehmend über das Internet. Seiten wie containern.de oder freegan.at helfen mit praktischen Tipps.
In Österreich gilt Abfall als «herrenlose Sache» und darf mitgenommen werden, solange dafür kein Schloss aufgebrochen oder abgeschlossenes Gelände betreten wird und solange keine Sachbeschädigung oder Hausfriedensbruch begangen werden.
Der Film «Taste The Waste» läuft seit 11. November in den Wiener Kinos.
Das Buch zum Film:
Stefan Kreutzberger, Valentin Thurn: Die Essensvernichter. Kiepenheuer & Witsch, 3. Auflage 2011. 318 Seiten, € 17.
Mit freundlicher Genehmigung der Straßenzeitung Augustin





11. Januar 2012 









Keine Kommentare ... Sei der erste der antwortet.