Offener Brief an LH Pröll zum Semmering-Basistunnel

Sehr geehrter Herr Dr. Pröll, können Sie Ihren Niederösterreichern noch mit gutem Gewissen ins Auge sehen? Sie hatten meine uneingeschränkte Zustimmung, als Sie das erste Projekt des Semmering-Basistunnels angesichts des horrenden Wasserverlustes von einer Million Liter hochwertigem Trinkwasser pro Tag als mit der Umwelt  unverträglich kategorisch ablehnten.

Jetzt, wo laut Gutachten ca. 4,5 Millionen Liter täglich verloren gehen werden sind Sie sich nicht zu schade, bei einem umstrittenen Spatenstich vor der Presse als Befürworter des neuen Projektes aufzutreten?

Landeshauptmann Erwin Pröll (2.v.r.) beim Spatenstich zum umstrittenen Semmering-Basistunnel im April.

Sie wissen sicher so gut wie ich Bescheid (ich war über 30 Jahre in einer Baufirma in leitender Stellung im Gleisbau, speziell am Semmering tätig und kenne daher alle Probleme in diesem geologischen hochsensiblen Gebiet genau), dass hier jede Bautätigkeit mit äußerster Sorgfalt vorgenommen werden muss.

Ich darf daher die unumstößlichen Tatsachen kurz zusammenfassen: Das ganze Projekt Semmering-Basistunnel neu ist auf Falschinformationen aufgebaut, wie ich kurz erläutern möchte:

 Falschinformation 1:

Das Projekt ist umweltfreundlicher als das vorherige. Tatsache ist, dass die viereinhalbfache Menge hochwertiges Trinkwasser aus dem Wasserschutzgebiet Otter auslaufen wird und bis dato keine Zusage besteht, diese Wassermenge aufzufangen und als Trinkwasser zu nutzen. Ganz zu schweigen von verbindlichen Zusagen, jene Gemeinden, deren Quellen versiegen werden, mit Ersatzwasser zu bedienen. Und das soll umweltverträglicher sein als das erste, von Ihnen so vehement bekämpfte Projekt? Und die Umweltverträglichkeitsprüfung hat dem neuen Projekt offenbar zugestimmt? Das stinkt doch zum Himmel! Man wird den Eindruck nicht los, dass hier das Recht zugunsten des neuen Tunnels gebogen wird und mit  Gefälligkeitsgutachten diesem Wahnsinn zum Durchbruch verholfen werden soll!
Falschinformation 2:

Der Semmering Basistunnel ist (wie der unsinnige Koralmtunnel) Teil der

sogenannten „Baltic-Adriatic-Achse“. Diese Achse gibt es in der EU nicht, sie    ist nirgends definiert und die „Erfindung“ eines gewissen Dörflers, um den Koralmtunnel zu rechtfertigen. Tatsache ist, dass es ein Transeuropäisches Netz gibt, wo die Achse Nordsee-Adria definiert ist und gefördert wird bzw. fertig

ist und über Deutschland-Tschechien-Slowakei-Ungarn – nach dem aufstrebenden Hafen Koper führt. Triest ist ein sterbender Hafen ohne Hinterland und bedeutungslos.

Falschinformation 3:

Der Semmering-Basistunnel ist wichtig um den Frachtverkehr von der Straße auf die Schiene zu bringen. Diese Lippenbekenntnisse hören wir seit mindestens 40 Jahren. Seither steigt der Lkw-Verkehr auf der Straße kontinuierlich an und hat bereits untragbare Ausmaße angenommen. Und solange der Lkw-Transport nicht in dem Maße besteuert wird, wie er die Straßen ruiniert und die Umwelt  belastet wird sich daran nichts ändern. Die Bahn wird durch diese größenwahnsinnigen Tunnelprojekte keinen einzigen Lkw mehr auf die Schiene bringen. Ich lade Sie ein, Herr Landeshauptmann, machen sie einen Ausflug nach Kledering und überzeugen Sie sich an Ort und Stelle: Der Verschiebebahnhof ist leer, weil das Frachtaufkommen auf der Schiene seit Jahrzehnten rückläufig ist. Der Gipfel der verfehlten Verkehrspolitik ist wohl die Absicht der EU den 60-Tonnen-Lkw in Europa einzuführen.

Falschinformation 4:

Der SBT wird ca. 3 Milliarden Euro kosten. Da kann ich als gelernter Österreicher nur milde lächeln. Die erste Zahl, die als Kosten angegeben wurde, lag bei 2,8 Milliarden Euro. Als ein Fachmann dies widerlegte und von 3 Milliarden sprach gab es ein Aufheulen bei den ÖBB-Verantwortlichen und das dementsprechende Dementi. Jetzt sind wir bei 3,1 Milliarden Euro angelangt. Wenn ich richtig informiert bin gab es bei 10 untersuchten ÖBB-Baustellen der letzten Jahrzehnte Terminüberschreitungen von bis zu 10 Jahren und die Endabrechnungen überstiegen Kostenschätzungen um das Fünffache! Ich wage hohe Wetten abzuschließen: Der SBT wird, sofern er wirklich wider besseres Wissen gebaut werden wird, 15 Milliarden Euro kosten und erst 2034 fertig sein. Da braucht ihn kein Mensch mehr. Und was geschieht mit dem UNESO-Weltkulturerbe  „Semmeringbahn mit der umgebenden Kulturlandschaft“?

Auch hier ist man eifrig dabei, die Kulturlandschaft mit Tricks auszuklammern, damit der SBT gebaut werden kann. Auch das ist wohl ein Skandal sondergleichen!

Zum Abschluss:

Ihr Neffe hat als Vizekanzler einmal richtigerweise gesagt: “Es ist unverantwortlich, Schulden, die wir jetzt machen unseren nachfolgenden Generationen aufzubürden.“

Aber genau das geschieht nun: Unsere Kinder und Enkelkinder müssen für unser Schuldenmachen die Zeche zahlen. Können Sie noch ruhig schlafen, Herr Landeshauptmann? Sie fallen durch Ihren Kniefall vor der Tunnellobby den nachfolgenden Generationen in den Rücken! Daher sind sie für mich nicht nur unglaubwürdig geworden, sondern auch als Landeshauptmann untragbar.

Das musste einmal gesagt werden.

                            DI Wolfgang Witeschnik

                            Otterthal

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