Schwarzataler Online
Q-Lounge
Werbeinsel - 200x200

Filmemacher Peter Glatzl zeigt sein Meisterwerk ‚Tagebuch einer Emigration‘ am kommenden Freitag in der Stadtbücherei Neunkirchen

Der Film ‚Tagebuch einer Emigration‚ zeichnet anhand von Original-Film- und Ton-Dokumenten das Leben des Ehepaares Dr. Otto Lederer (1886-1959) und seiner Frau Alice (1898-1985) in der Emigration in Indien 1938-1946 nach. „Ich habe Frau Alice Lederer Anfang der 1980-er Jahre kennengelernt“, skizziert der
Altpräsident des Verbandes Österreichischer Film-Autoren
Peter Glatzl, „Sie hat mir das Filmmaterial ihres Mannes überlassen, ich habe es damals selektiert und entsprechend ihren Erzählungen zusammengestellt.“ Das gelungene und sehr interessante Ergebnis wird am Freitag, 27. März, in der Stadtbücherei am Stiergraben in Neunkirchen vorgeführt. Beginn: 19.30 Uhr.

Aus den Erinnerungen von Alice Lederer

„Als wir am Morgen des 30. August 1938 Europa verließen, lag vor uns eine ungewisse Zukunft und wir wussten nicht, ob eine Rückkehr überhaupt möglich sein würde. Aber wir hatten zum ersten Mal wieder das Gefühl, frei und ohne Angst leben zu können.

Kompur wurde unsere neue Heimat. Es kam uns noch immer wie ein Wunder vor, dass wir in Österreich durch Zufall einen hochgestellten indischen Offizier kennengelernt hatten, der uns aus reiner Menschlichkeit die Einreise nach Indien ermöglichte. Dies geschah mittels eines Arbeitsvertrages, den er mir ausstellte und damit für unsere gemeinsame finanzielle Sicherstellung garantierte.

.

.

Eigentlich wollten wir in Bombay bleiben. Aber meinem Mann war es auf Grund einer neuen Verordnung nicht möglich, eine Praxis aufzumachen, da das österreichische Doktorat dort nicht anerkannt wurde. Im September 1939 wurde mein Mann wieder inhaftiert, weil er paradoxerweise als nun Großdeutscher Staatsbürger galt. Die Rassentrennungsgesetze der Nazis wurden von den Engländern (damals noch Kolonialherrn in Indien) nicht anerkannt.
Zum Glück halfen mir meine englischen Freunde, die Zeit bis zu seiner Entlassung im Dezember so gut wie möglich zu überwinden. Ich ging viel spazieren, fuhr in den Europäischen Club baden oder besuchte den Englischen Garten.

Den Sommer 1940 verbrachten wir im Bim-Tal, das schon im Vorland des Himalaya lag. Die Hitze, die zu dieser Zeit in Kompur herrschte, war für mich fast nicht zu ertragen. Wir besuchten auch eine der Heimwebereien, die von Ghandi initiiert wurden, um die schreckliche Armut der Bevölkerung zu lindern.

Juli 1940 – Frankreich war gefallen und wir mussten nach Naini-Tal, wo wir in einem sogenannten ‚Parole Camp‘ bis Mai 1941 interniert wurden. Es war aber nicht sehr schlimm. Wir erhielten dort ein kleines Appartement und konnten uns auf Ehrenwort auch außerhalb frei bewegen. Mr. Burn, der Kommandant, war ein sehr netter, umgänglicher Mensch. Um ein bisschen Abwechslung zu haben, wurde zu allen möglichen Anlässen gefeiert, und es herrschte eine freundliche, lockere Atmosphäre. Hier erlebten wir einen richtigen Winter mit Schnee, und es war oft sehr kalt und unangenehm. Von Nepal herüber kamen Kulis, oft auch barfuß und brachten selbstgebrannte Kohle.

Im Camp feierte mein Mann auch seinen 55. Geburtstag. Die Mädchen verkleideten sich als Nymphen, brachten einen Kranz und sagten Gedichte auf. Naini-Tal hatte uns so gut gefallen, dass wir uns nach unserer Entlassung in der Nähe des Sees eine Wohnung mieteten und mein Mann dort seine Sommerpraxis aufmachte.

.

.

Zu Weihnachten 1942 gönnten wir uns eine Reise zu den Tempelstätten von Agra, Fahtepur Sikri und Sikandra. Weil man japanische Bombenangriffe befürchtete, wurde der Taj Mahal mit einem Holzgerüst getarnt, was in der restlichen Welt weitgehend unbekannt geblieben ist. Gottseidank hat mein Mann diese Kuriosität auf Film festgehalten. In Kompur erhielt mein Mann ein Haus von der anglikanischen Mission zur Verfügung gestellt und richtete dort eine Praxis ein. In Glaubensfragen herrschte meist ein tolerantes Nebeneinander. Hier eine anglikanische Kirche und dort ein religiöses Fest der Hindus. Oft waren wir zu Gast bei einem Großindustriellen, der zwei bildhübsche Töchter hatte, die dann auch für uns tanzten.
Im Herbst 1944 verbrachten wir unseren Urlaub in Binsa im Himalayagebiet, wo wir auf unseren Wanderungen unvergessliche Eindrücke sammeln konnten. Das Kriegsende erlebten wir 1945 in Naini-Tal, wo aus diesem Anlass eine große Siegesfeier stattfand.

1946 kam die Nachricht, dass wir nach Österreich zurückkehren können. Es wurde Oktober, bis wir eine Überfahrtsmöglichkeit auf einem Militärtransporter erhielten. Aber wir waren glücklich, wieder in die Heimat zu kommen, um dort von nun an in Frieden und ohne Furcht leben zu können. Unsere Emigration war zu Ende. Aber die dankbare Erinnerung an die Hilfsbereitschaft von Menschen aller Rassen und Konfessionen ist unvergänglich.“

.

.

So lässt sich ein ‚etwas anderes‘ Emigrantenschicksal nachzeichnen. Gerade weil es sich von so viel schlimmeren Schicksalen abhebt, ist das Thema von besonderem Interesse.

.


Bilder © Peter Glatzl (Nachlass Dr. Otto Lederer), die Grünen Neunkirchen

Schreibe einen Kommentar