Nach dem Tod von Lee ‚Scratch‘ Perry (* 20. März 1936 in Kendal, Manchester, Jamaika als Rainford Hugh ‚Leeburn‘ Perry; † 29. August 2021 in Lucea, Jamaika) setzte ein merkwürdiger Wettlauf ein. Von überall her tauchten Aufnahmen auf, die als sein „letztes“ Projekt angekündigt wurden. Trip-Hop-Produzenten meldeten sich, Dub-Veteranen, Ambient-Tüftler, Rockmusiker, Reggae-Leute. Eine ganze Serie der finalen Perry-Dokumente entstand, was insofern passt, als Perry selbst nie besonders viel von linearen Enden hielt. Seine Karriere war immer eher eine Serie von Übergängen, Mutationen, Umwegen, Zufällen und Fügungen. Jetzt landete sein letztes offizielle Albumprojekt ‚Spatial, No Problem‘ via Domino Records auf der Scheibenwelt
Das letzte offizielle Albumprojekt führte Lee ‚Scratch‘ Perry nach Berlin. Genauer: in das Studio des Elektronikduos Mouse on Mars, also zu Jan St. Werner und Andi Toma. Warum ausgerechnet dorthin – das wusste damals niemand so genau. Und im Grunde weiß man es bis heute nicht. Nur eine Sache war von Anfang an klar: Reggae sollte es diesmal nicht werden.
Die beiden Berliner bereiteten sich vor, soweit das eben möglich ist, wenn eine Figur wie Perry angekündigt ist – jemand, der zu Lebzeiten längst zu einer Art Mythos geworden war. Sie trommelten Menschen aus ihrem Umfeld zusammen: Musikerinnen, Musiker, Autorinnen, Autoren. Leute aus unterschiedlichen Szenen und Ländern. Die Idee war simpel: Wenn Perry kommt, sollte der Raum voller Möglichkeiten sein.
Nur kam er erst einmal nicht.
Termine verschoben sich. Flüge wurden umgebucht. Pläne lösten sich auf. Perry war bekannt für diese Art von Unberechenbarkeit. Einige glaubten irgendwann ernsthaft, dass er vielleicht überhaupt nicht auftauchen würde.
Und selbst wenn er kam, blieb die Frage: Wer würde da eigentlich erscheinen? Lee ‚Scratch‘ Perry hatte im Laufe der Jahrzehnte eine ganze Reihe von Alter Egos entwickelt. The Upsetter. Pipecock Jackxon. The Super Ape. Inspector Gadget. Oder der Firmament Computer. Manchmal auch einfach „Scratch“, nach der frühen Single „Chicken Scratch“ aus dem Jahr 1965.
Hinter all diesen Figuren stand natürlich Rainford Hugh Perry – Produzent, Toningenieur, Labelbetreiber, Performer. Eine der zentralen Figuren der jamaikanischen Popgeschichte. Seine Arbeit verbindet die Linien von Ska über Rocksteady bis zum Roots-Reggae, zu Dub und zu den Sound-System-Kulturen. Künstler wie Bob Marley, Junior Murvin, Max Romeo oder The Congos sind ohne ihn kaum denkbar.
Die Frage, warum er nach Berlin kam, blieb trotzdem erstaunlich offen.
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Irgendwann fragten Mouse on Mars Lee ‚Scratch‘ Perry nach räumlichem Klang – nach Spatial Audio und Mehrkanaltechnik. Perry grinste. „Spatial? No problem.“ Und das Album hatte seinen Titel.
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In der Geschichte der deutschen Elektronik gelten Mouse On Mars seit den 1990er-Jahren als eines der eigenwilligsten Projekte. Ihre Alben – etwa Niun Niggung oder Idiology – verbinden experimentelle Elektronik mit Pop, Dada und einer gewissen Freude am absurden Detail. Das Magazin The Wire erklärte Niun Niggung einst zum Album des Jahres. Außerdem arbeiteten Mouse On Mars mit Gruppen wie Stereolab oder Künstlern wie Bon Iver zusammen. Aber ob Lee ‚Scratch‘ Perry ihre Musik tatsächlich kannte – das ist bis heute nicht belegt. Sicher ist nur: Er hatte sie ausgewählt. Und er kam für ein ganzes Album nach Berlin.
Vielleicht spielte auch der Name eine Rolle. Mouse on Mars – eine Kombination, die durchaus nach einer jener surrealen Wortketten klingt, wie Perry sie selbst gern improvisierte. Der Weltraum spielte in seiner Bildwelt ohnehin eine große Rolle. Dub als kosmischer Raum, als Echo-Universum. Und als Perry vor sieben Jahren im Dezember im Berliner Studio erschien, begann er sofort damit, den Raum umzubauen. Er öffnete seinen Koffer und verteilte kleine Objekte: Bilder, Aufkleber, Talismane. Mit Stiften schrieb er Sätze und Parolen an die Wände. Wer Perry kannte, wusste, dass solche Gesten zu seinem Arbeitsprozess gehörten. Räume wurden bei ihm zu Installationen, zu einer Art fortlaufendem Gesamtkunstwerk.
Auch im Studio passierte genau das. Instrumente standen überall, Kabel wucherten durch die Räume. Auf Mischpulten lag Essen. Flöten steckten in Lautsprechern. Die Idee dahinter: organische Energie in Klang zu verwandeln. Der Schlagzeuger Dodo NKishi erlebte dabei eine besonders merkwürdige Szene. Noch bevor er überhaupt im Studio angekommen war, hatte Perry bereits einen Satz an die Wand geschrieben: „Dodo God!“ – Eine Art spontane Heiligsprechung und das Studio verwandelte sich in ein Labyrinth aus Kabeln, Instrumenten und Stimmen.
Jan St. Werner beschrieb später, dass man erstaunlich wenig über Musik gesprochen habe. Man habe sich getroffen und einfach angefangen. Perry habe viel gelacht – und alle anderen hätten mitgelacht. Zwischendurch wurde gekocht. Fischsuppe und Papayas und über allem liegt Perrys Stimme – brüchig, gealtert, aber immer noch voller Energie.
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Das Ergebnis dieser Tage ist schwer in ein Genre zu fassen. Die Stücke auf dem Album ‚Spatial, No Problem‘ bewegen sich zwischen elektronischer Improvisation, Dub-Fragmenten, dadaistischen Textpassagen und seltsam verschobenen Popmomenten. Mal tauchen elektronische Rhythmen auf, mal Bläser, mal digitale Störgeräusche. Lee ‚Scratch‘ Perrys Sprachspiele waren immer ein zentraler Teil seiner Kunst. Worte werden gedehnt, gespiegelt, wiederholt. Echo wird zum Stilmittel. Auch in Berlin ging es darum, für diese Stimme einen neuen Raum zu finden – irgendwo zwischen Dada und Rasta. Rasta, aber eben nicht Reggae.
Ganz ohne Reggae geht es natürlich trotzdem nicht. Lee ‚Scratch‘ Perrys musikalische Geschichte ist zu stark mit diesem Genre verbunden. Aber das Projekt mit Mouse on Mars verschiebt die Perspektive. Motorische Elektronik trifft auf Dub-Ideen, digitale Glitches auf improvisierte Sprachpoesie.
Das Album endet mit einem langen Stück namens „State of Emergency“. Am Schluss hört man eine Aufnahme aus Lima: einen großen Straßenumzug mit Hunderten Musikgruppen, die gleichzeitig spielen. Verschiedene Stile, verschiedene Rhythmen, alles überlagert sich. Vielleicht ist das auch die Idee hinter diesem Projekt: Musik als Raum, in dem unterschiedliche Zeiten, Orte und Traditionen kurz zusammenkommen.
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Fotos © Roberto Andrés Zamora Figueroa und Constantin Carstens






