Am Anfang von „Tilda“ steht ein Foto: Richard Lasher’s ikonische Aufnahme der Mount St. Helens-Vulkanausbruchserie im US-Bundesstaat Washington im April und Mai 1980 – im Vordergrund ein Ford Pinto mit angehängtem Motorrad, im Hintergrund die gewaltige Eruptionswolke des Vulkans. Ein Moment zwischen Alltag und Ausnahmezustand, zwischen Wochenendausflug und Weltuntergangsstimmung. Genau in diesem Spannungsfeld verortet sich das neue Album von Chris Comper aka Prinz Grizzley aus Egg in Vorarlberg, das jetzt via DoWhWa Records auf der Scheibenwelt landete: das Lebensgefühl einer Generation, die mit einem Fuß im Vertrauten steht und mit dem anderen schon im unbekannten Gelände.
Musikalisch schlägt „Tilda“ eine neue Richtung ein: weniger staubige Country-Ästhetik, mehr intime Singer-Songwriter-Nähe. Die Arrangements sind reduzierter, die Stimme rückt näher, die Songs leuchten von innen statt von der großen Bühne. Im Zentrum stehen die Geschichten der Großeltern von Prinz Grizzley, deren Leben von Entbehrung, Aufbauarbeit, Krisen und leisen Hoffnungen geprägt war. Beide haben den Zweiten Weltkrieg überlebt, mit all seinen Verwüstungen, den materiellen wie den seelischen. „WW2“ widmet sich explizit dem Großvater, seinem Einrücken in diesem Krieg und der tief empfundenen Sinnlosigkeit dieses und aller Kriege – eine Perspektive, die im Lichte der heutigen globalen Konflikte schmerzhaft aktuell ist. Diese Biografien werden zu Brennspiegeln unserer Gegenwart, in der Unsicherheit, Umbrüche und ein latentes Katastrophengefühl wieder sehr vertraut geworden sind.
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Wie das Auto vor dem ausbrechenden Vulkan erzählt auch „Tilda“ von der Fragilität vermeintlicher Sicherheit. Die vertraute Karosserie, das Motorrad als Versprechen von Freiheit – und dahinter eine Naturgewalt, die jederzeit alles verändern kann. In den Liedern tauchen genau diese Brüche auf: Wie bleibt man aufrecht, wenn die Welt ins Wanken gerät? Wo findet man Halt, wenn Sicherheiten wegbrechen?
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Die Songs auf „Tilda“ folgen dem inneren Bogen eines Konzeptalbums, das aus einzelnen Momenten ein ganzes Leben aus Licht und Schatten zusammensetzt. In „Put Me Down“ und „A Mountain to Be Tamed“ begegnen wir verlorenen, fehlbaren Figuren, die mit Schuld, Sucht und der eigenen Dunkelheit ringen – archetypische Gestalten einer Nachkriegsgeneration, die ihren Platz in einer brüchigen Welt sucht. „A Rose on Garbage Hill“ und „Guess I Need Protection“ verschieben den Fokus auf Verletzlichkeit, weibliche Stärke und psychische Verwundbarkeit: eine Tochter, die sich aus widrigen Verhältnissen herauskämpft, und ein Ich, das Schutz vor den Zumutungen des Lebens sucht, ohne die eigene Sensibilität zu verraten. In „Moon Over Green Mountains“ und „The Calling“ keimt so etwas wie Heimat auf – Liebes- und Glaubenslieder, die das einfache, ländliche Leben nicht verklären, sondern als Ort von Verantwortung, Bindung und stiller Spiritualität erzählen. Je weiter das Album voranschreitet, desto deutlicher tritt die große Erschütterung hervor: „WWII“, „Bridge Shuffle“ und „Tilda Lee“ spannen den Bogen von Kriegstrauma über den Verlust eines Sohnes bis hin zum mühsamen Versuch, gemeinsam weiterzuleben – immer im Ringen darum, den Schmerz in Sinn zu verwandeln. In den letzten Songs wie „Watch Me Rising“ liegt schließlich eine zarte Form von Erlösung: kein Happy End, sondern die leise, trotzig-hoffnungsvolle Geste, dass ein gebrochenes Herz weiter schlägt und sich – trotz allem – noch einmal erhebt.
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„Tilda“ ist damit Prinz Grizzleys bislang persönlichstes Album – ein leises, eindringliches Werk an der Schnittstelle von Erinnerung und Jetztzeit. Wie das Foto des Autos vor dem Vulkan hält es den Moment fest, in dem man spürt: Es kann jederzeit alles anders werden. Und gerade deshalb zählt, wie wir einander in dieser Zeit begegnen.
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Fotos © Richard Lasher, DoWhWa Records, PiaPiaPia, Bastian Grübl




