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Naturfreunde-Diskussion zeigt die Verkehrsprobleme rund um Rax- und Schneeberg auf

Eine Rax-Überschreitung ist eine der beeindruckendsten Wanderungen in Ost-Österreich. Doch für dieses Bergerlebnis braucht es heute rund zwei Stunden Auto-Fahrzeiten im Nahbereich der Wanderung: Zuerst muss ein Auto zum Zielpunkt gestellt werden, dann muss man mit einem anderen Auto zum Startpunkt der Wanderung fahren – und nach der Wanderung zurück zum Startpunkt, um dort das Auto wieder zu holen. Skurril, wie viel Zeit wir mit Auto-Fahrten verbringen, um fünf Stunden zu wandern. Dieses konkrete Problem beschreibt gut die Verkehrs-Herausforderungen für die Tourismusregion rund um Rax und Schneeberg.

Der erfahrene Bergsteiger Ewald Putz brachte es mit diesem Beispiel bei der Podiumsdiskussion der Naturfreunde Hirschwang-Reichenau am vergangenen Freitag im Parkhotel Hirschwang auf den Punkt: „Wenn wir hier eine Lösung finden, würden viele Bergsteigerinnen und Bergsteiger auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen. Dazu brauchen wir ein funktionierendes Verkehrsnetz.“

Umsteigen vorm Aufsteigen

Rund 100 Gäste diskutierten leidenschaftlich und wertschätzend mit den Podiumsgästen Dominik Karas vom Verkehrsbund Ost-Region (VOR), Modellregionsmanagerin der Klima- und Energieregion Schwarzatal Andrea Stickler, Natur- und Umweltschutzexpertin der Naturfreunde Österreich Regina Hrbek, Bergsteiger und Fotograf Ewald Putz und Obmann des Tourismusverbandes Semmering-Rax-Schneeberg Christian Blazek. Die Diskussion wurde von Hubert Prigl, Vorsitzender der Naturfreunde Hirschwang-Reichenau, wie immer in eleganter und humorvollerweise moderiert. Der Chef der NÖ Arbeiterkammer, Markus Wieser, begrüßte als Hausherr die Gäste und informierte über die Aktivitäten der Arbeiterkammer zum Thema öffentlicher Verkehr. Weiters dabei waren die Landtagsabgeordneten Christian Samwald aus Ternitz und Karin Scheele aus Enzersfeld-Lindabrunn, die auch in ihrer Funktion als Naturfreunde-Vorsitzende von Niederösterreich an der Veranstaltung teilnahm, Rudolf Schicker, Naturfreunde-Vorsitzender von Wien, die Bürgermeister Hannes Döller (Reichenau) und Michael Streif (Schwarzau/Gebirge) samt vielen GemeindevertreterInnen aus Reichenau, Payerbach und Schwarzau/Gebirge sowie VertreterInnen aus alpinen Vereinen und TouristikerInnen aus der Region.

Wandern mit Öffis ist nicht immer einfach, da oft noch notwendige Verbindungen fehlen.

Am Preiner Gscheid wurden im 1. Quartal 2021 19.000 Gäste gezählt und nur die wenigsten nützten öffentliche Verkehrsmittel für ihre An- und Abreise. Auch das Höllental wird zunehmend gestürmt. Die Folgen sind Überlastung der Parkplätze, vermehrter Müll und verärgerte EinwohnerInnen und Gäste. Doch nicht nur der durch den Tourismus verursachte Verkehr war Thema, auch die einheimische Bevölkerung meldete sich zu Wort. Zahlreiche Personen aus dem Publikum berichteten über verpasste Züge oder Busse, aufgelassene Haltestellen und forderten mehr öffentliche Verkehrsangebote. Dominik Karas, Angebotsplaner beim Verkehrsverbund Ost-Region (VOR), zuständig für 300 Gemeinden in Niederösterreich, zeigte Verständnis für Probleme. Er beleuchtete das Thema aus einem anderen Blickwinkel. Er erzählte von Eltern, die die Kinder im eigenen Ort mit dem Auto zur Schule brächten und sich oft Wettrennen mit dem Linienbus am Weg zum Bahnhof lieferten. Er versuchte die Komplexität der Angebotserstellung eines Fahrplanes aufzuzeigen und informierte über die strengen rechtlichen Schranken für BusfahrerInnen, die zwar kundenorientiert agieren wollen, aber damit mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt kämen. Die Busfahrer meldeten sich selbst leidenschaftlich zu Wort und erzählten aus ihrem oft nicht einfachen Berufsalltag.

Andrea Stickler verwies darauf, dass die aktuelle Verkehrsordnung aus den 1970er Jahren stammt, und dass sich dieser rechtliche Rahmen gegen neue Mobilitätsformen wehrt. Als Strategie schlug sie vor, sich mit positiven Beispielen aus ganz Österreich auseinanderzusetzen. Damit könnten neue eigene Lösungen für moderne Mobilität in der Region gefunden und umgesetzt werden.

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion: Andrea Stickler, Ewald Putz, Regina Hrbek, Hubert Prigl, Christian Blazek und Dominik Karas (v.l.)

Die Finanzierung eines dichten Verkehrsnetzes ist eine Herausforderung, der sich bei der Diskussion niemand stellen wollte. Ewald Putz, stellte in den Raum, dass die Finanzierung von moderner nachhaltiger Mobilität als Klimamaßnahme Österreichs verbucht werden könnten. Das sei günstiger als die Klimaziele zu verfehlen, die Österreich Milliarden kosten würden.

Andrea Stickler erklärte die Notwendigkeit von Veränderungen im Verkehr mit der Bedrohung durch den Klimawandel. Bei der Erreichung der Klimaziele bereite der Verkehrssektor besonders große Sorgen. Während in anderen Bereichen der CO2-Ausstoß gesenkt werden konnte, gäbe es beim Verkehr zwischen 1990 bis 2015 eine Steigerungsrate von 74 Prozent. Sie forderte konkrete Ziele ein und wünschte sich, dass in zehn Jahren nicht 80 Prozent der Gäste mit dem Auto, sondern 80 Prozent mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen.

Regina Hrbek appellierte an alle TeilnehmerInnen, dass mehr Bewusstsein für die öffentliche Anreise geschaffen werden muss. Dafür müssten alle, denen die Region am Herzen liegt, mit gutem Beispiel voran gehen und ihr Auto einfach öfter stehen lassen und Bus und Bahn nutzen. Viele Wanderungen sind öffentlich erreichbar und gut machbar, es muss jedoch im Vorfeld gut geplant werden.

Der Betreiber der Raxseilbahn, Bernd Scharfegger, meldete sich mit einer ‚frohen Botschaft‘ zu Wort: Gemeinsam mit der Berg- und Naturwacht sei es gelungen, dass das Müllproblem im Höllental kurzfristig für die Sommermonate zu lösen. Mehrmals wöchentlich werde von der Raxseilbahn bis zum Weichtal die Strecke abgegangen und der Müll entsorgt. Das Müllthema im Höllental war im September 2020 Thema der ersten Podiumsdiskussion der Naturfreunde Hirschwang-Reichenau. Bürgermeister Döller bekräftigte die Anstrengungen der Gemeinde für die Säuberungen des Höllentals.

Regina Hrbek stellte das neue Projekt ‚Respect Nature‘ der Naturfreunde Österreich vor. Neben Aktionen zur Bewusstseinsbildung zum Thema ‚Fair Play in der Natur‘ sind auch regionale Pilotprojekte geplant, bei denen gemeinsam mit GrundbesitzerInnen konkrete Lösungsansätze für Konfliktfelder entwickelt werden. Das Rax-Schneeberggebiet wäre für diese Aktion eine gute Pilotregion.

Rund 100 Interessierte diskutierten leidenschaftlich mit den Podiumsgästen.

Zum Abschluss gab Christian Blazek dem Publikum noch seine Vision ‚autofreies Höllental‘ mit auf den Weg. Eine Vision, die nach dem offiziellen Ende leidenschaftlich weiter diskutiert wurde. Die Naturfreunde-Veranstaltung zeigte, dass das Thema öffentlicher Verkehr zunehmend für die Region wichtig wird.

Einig war man sich, dass das Angebot attraktiver gestaltet werden müsse und dass mehr Information und mehr Kommunikation bei der Entwicklung eines modernen Mobilitätskonzeptes rund um Semmering, Rax und Schneeberg nötig sind. Als Beispiel wurden ein Stunden-Takt-Fahrplan mit mehr Bussen, Bedarfshaltestellen für TouristInnen (z. B. Kesselgraben und Schüttersteig) und zusätzlichen ergänzenden Mobilitätsangebote mit Sammeltaxis oder Car-Sharing-Modelle genannt. Es wurde sichtbar, dass rechtliche und bürokratische Rahmenbedingungen schnellen Entwicklungen im Weg stehen. Aber der Wille zur Veränderung war spürbar und ein weiterer Schritt in Richtung Thematisierung und Bewusstseinsbildung ist getan.

Fotos: Sandra Hofer, Max Brandstätter

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